Short Term 12 (2013) – Filmkritik – Indie Review

Eine Erzieherin in ihren Zwanzigern arbeitet mit ihrem langjährigen Lebensgefährten in einem Erziehungsheim für ‚gefährdete Jugendliche‘. Zusammen versuchen die beiden dort, die Kinder einfühlsam auf die richtige Bahn zu lenken und gleichzeitig ihr eigenes Leben durch unruhige Gewässer zu navigieren.

„So he swam away, to find another friend“ – Jayden

Ach, es gibt manche Filme, die man eigentlich garnicht lange diskutieren und sich stattdessen lieber für einen Moment in eine ruhige Ecke setzen und die gesehen Bilder noch ein wenig sacken lassen möchte. ‚Short Term 12‘ ist ein solcher Film. Der von Destin Cretton sehr authentisch gestaltete Film, beschäftigt sich mit dem Thema von ‚gefährdeten Jugendlichen‘ in Pflege-Erziehungsheimen und der Entwicklung von Menschen, die mit den emotionalen Traumata einer eben solchen ‚komplizierten‘ und Jugend zu kämpfen haben.

Es ist ein bittersüßes Drama, das emotional über die gesamte Spieldauer berührt. Destin Cretton schafft es, die Geschichten der liebevoll ausgearbeiteten Charaktere Stück für Stück zusammen zu setzen und miteinander in einem Gesamtbild zu verknüpfen, ohne die Wendungen im Film vorher großartig anzukündigen oder sie pathetisch zu präsentieren. Es ist allgemein ein sehr zurückhaltender Film, was auch an der Kameraarbeit deutlich wird, die den Figuren auf der Leinwand – wie die Erzieher den Jugendlichen im Film selbst – Freiraum lässt und eine respektvolle Distanz einhält. Man merkt, mit wie viel Hingabe und Herzblut an Charakteren, Handlung und Darstellung gearbeitet wurde und wie sehr sich das in einem vollständig wirkenden Gesamtwerk bezahlt macht.

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Keith Stanfield und John Gallagher Jr. als Marcus und Mason in ‚Short Term 12‘ (2013).

Auch wenn der Film klassische Drama-Elemete verwendet und nicht komplett unvorhersehbar ist, zeigt er diese nur sehr zurückhaltend und ohne viel Pathos, was der Geschichte Authentizität verleiht. Letzteres liegt aber vor allem auch an den Leistungen aller Darsteller in Haupt- und Nebenrollen (Brie Larson & John Gallagher Jr. mit ruhigen und herausragenden Performances), sowie am witzigen und geerdeten Skript, welches eine der schönsten Parabeln (Octopus-Nena) beinhaltet, die innerhalb eines Films in den letzten Jahren in einem Dialog erzählt wurden. Die Mischung aus lockeren Dialogen und ernsten Worten voller Bedeutung für die Entwicklung der Charaktere hält sich hier perfekt die Waage und auch die Dynamik der Beziehungen im Film entwickelt sich stetig weiter, hält die Aufmerksamkeit und berührt.

Generell sticht die Macht der Worte als Motiv für die Bewältigung eines emotionalen Traumas heraus. Es wird gezeigt, wie befreiend ein Dialog sein kann, aber auch wie befreiend es sein kann, seine Gefühle manchmal nicht durch Worte, sondern durch Taten oder durch Kunst zu äußern. Zudem wird klar, dass ein solcher Prozess der Heilung eine lange Reise des Kampfes mit sich selbst und seinen Mitmenschen darstellt, die vielleicht nie ganz ihr Ende findet. Vielleicht hätte es dem Film letztendlich gut getan, ein wenig mehr echtes Leiden zu zeigen, anstatt nur das Nachspiel dessen – auf der anderen Seite spiegelt sich dieses Leid subtil aber doch deutlich in den Gesichtern und Taten der Darsteller genügend wider… Und vielleicht hätte es die lockere Atmosphäre, die den Film trotz schwerem Dramas leicht wirken lässt, zerstört. Alles in allem ein wunderbarer Film für Freunde des lockeren aber doch zutiefst emotionalen Dramas. Wohl einer der heißesten Geheimtipps des Kinojahres 2013 (in Deutschland wurde der Film bislang nicht veröffentlicht).

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Kaitlyn Dever und Brie Larson als Jayden und Grace in ‚Short Term 12‘ (2013).


Fun Fact: Regisseur Destin Cretton arbeitete selbst ein Jahr lang in einem solchen Erziehungsheim. Als Projekt für die Filmschule, die er besuchte, entstand zunächst der Kurzfilm ‚Short Term 12‘, der schnell Aufmerksamkeit erlangte und beim Sundance-Filmfestival in den USA die wichtigsten Preise für einen Kurzfilm gewann. Dies ermöglichte ihm, die Geschichte in einem Feature-Film mit professioneller Produktion zu realisieren.

 almostthere

Wertung

8,5/10

Wie immer die Warnung: Trailer schauen auf eigene (Spoiler-)Gefahr!

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